Es gab einmal eine Spinne, die war etwas ganz Besonderes, denn sie war blau. Es war eine männliche Spinne und ihr Name war Theodor. Von allen wurde sie nur der blaue Theodor genannt. Er lebte schon lange Zeit in einem muffigen Keller eines unbewohnten Hauses. Dort hatte er sich mit einigen Freunden niedergelassen und die Netze, die sie gezogen hatten, hingen in jeder erdenklichen Ecke. Es gefiel Theodor sehr, denn es gab jede Menge dunkler Winkel und genug Fliegen, die dumm genug waren, sich in den Spinnennetzen zu verheddern. So genoss er die ruhigen Tage, hatte reichlich zu essen und wurde langsam aber sicher ziemlich träge und kugelrund. Doch dann - eines Tages - geschah etwas Merkwürdiges. Schon den ganzen Tag über hatte er das Gefühl, über sich etwas zu hören. Doch da das Haus schon so lange unbewohnt war, dachte er, er würde sich die Geräusche nur einbilden. Aber plötzlich hörten die Spinnen Schritte auf der Kellertreppe und dann ging tatsächlich die Tür auf. Jemand schaltete die Deckenlampe ein, kreischte und schimpfte über all die ekligen Spinnennetze. Eine andere Stimme beruhigte und sagte, da müsse nur mal richtig sauber gemacht werden. Die Spinnen vernahmen diese Antwort und erstarrten. Sauber machen? In ihrem Keller? Das war einfach entsetzlich. Plötzlich gab es einen großen Tumult unter den Spinnen und nach einer Weile waren sich alle einig, dass es nur einen Ausweg gab - sie mussten den Keller verlassen und fliehen. Theodor seufzte. Das konnte doch nicht wahr sein. Er sollte tatsächlich sein Zuhause verlassen. Er wusste, dass er nicht bleiben konnte und doch sträubte er sich innerlich. Traurig sah er sich noch einmal in Ruhe den Keller an und packte zögernd seine Habe zusammen. Dann machte er sich ganz allmählich auf in Richtung Fenster. Was würde ihn draußen erwarten? So lange war er schon in diesem Keller gewesen, geschützt vor allen Gefahren, die draußen lauerten. Dieses ruhige Leben hatte ihm gut gefallen. Aber tief in seinem Inneren, in einer winzigen Ecke seines Herzens, empfand er auch so etwas wie Freude, Abenteuerlust und Spannung. Er schulterte seinen Rucksack und machte sich auf den Weg. Er kroch aus dem Kellerfenster und kniff erschrocken die Augen zusammen. Die Sonne blendete ihn sehr, nach so langer Zeit in der Dunkelheit, und er musste heftig blinzeln, um wieder etwas sehen zu können. Als er die Rasenfläche vor dem Haus erreichte, blieb er staunend stehen und schaute sich um. Es war ein frostiger Wintertag und alles glitzerte um ihn herum. Es sah schön aus und er schluckte. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, sich für so lange Zeit in einem dunklen Keller zu verkriechen. Fast war er den Menschen dankbar, dass sie das Haus gekauft hatten und den Keller reinigen wollten. Sonst wäre er wahrscheinlich noch ewig im Keller geblieben und hätte nichts von der Schönheit draußen mitbekommen. Er merkte, dass seine steifen, müden Glieder sich langsam entspannten, ganz so, als wollten sie ihm Mut machen, loszustiefeln und die Welt zu entdecken. Fröhlich pfeifend krabbelte er in Richtung Straße. Er wandte sich nach links, denn er sah in der Nähe ein kleines Wäldchen und das wollte er erkunden. Schon nach einigen Metern war er etwas aus der Puste, doch tapfer stiefelte er weiter. So schnell würde er sich nicht entmutigen lassen. Plötzlich sah er, dass ihm eine Gruppe von Menschen entgegenkam und schnell versuchte er, den Rand des Bürgersteigs zu erreichen, um nicht zertrampelt zu werden. Die Gruppe kam näher und Theodor wurde panisch. Sie würden ihn zerquetschen, da war er sich sicher. In allerletzter Sekunde erreichte er die Hecke eines Gartens und versteckte sich. Völlig erschöpft sah er, dass die Menschen an ihm vorbeigingen ohne ihn zu beachten, und ganz allmählich beruhigte sich sein Atem und er wagte sich wieder auf die Straße. Das war knapp. Nach einer Weile erreichte er unbeschadet den Waldrand, blieb stehen und sah sich um. Schön war es hier. Das ideale Plätzchen, um erst einmal zu verschnaufen. Er krabbelte zu einem Baum, dann ein paar Äste hoch und setzte sich zufrieden auf einen niedrigen Ast. Er ließ seine müden Beine baumeln, streckte sich und machte es sich gemütlich. Die Sonne schien durch die Zweige und Theodor fühlte sich jung und unglaublich behaglich. Das Leben draußen war doch gar nicht so schlecht. Theodor schreckte auf und blinzelte in die Sonne. Er musste wohl eingeschlafen sein, gähnte herzhaft und streckte sich. Plötzlich sah er einen dunklen Schatten auf sich zukommen und die Müdigkeit war wie weggeblasen. Er verkroch sich so gut es ging in den Blättern und hoffte, dass die Gestalt an ihm vorüber gehen würde. Vorsichtig lugte er hinter einem Blatt hervor, um zu sehen, was da im Wald umherging. Ein kleines Mädchen kam direkt auf ihn zu. Sicher würde sie bei seinem Anblick panisch aufschreien und wegrennen oder sie würde ihn nehmen und eiskalt zerquetschen. Ängstlich wartete Theodor darauf, was passieren würde. Das kleine Mädchen hieß Sophie und war sieben Jahre alt. Sie wohnte im Haus direkt neben dem Wäldchen und kam oft hierher. Zwischen den Bäumen gab es immer etwas zu entdecken. Fröhlich summte sie vor sich hin, bis sie auf einmal einen blauen Schimmer auf einem Ast entdeckte. Was konnte das sein? Neugierig ging sie darauf zu und zu ihrem Erstaunen sah sie eine dicke blaue Spinne. Eine blaue Spinne hatte sie wirklich noch nie gesehen. "Hallo Spinne!" sagte sie leise zu Theodor. "Wer bist du denn?" Theodor entspannte sich. Das kleine Mädchen schien ihn zu mögen und würde ihn wohl nicht zerquetschen. Vorsichtig streckte Sophie die Hand aus und nahm Theodor vom Ast hinunter. Sie legte ihn auf ihre Hand und schaute die Spinne von allen Seiten an. Süß war sie! Sie würde sie mit nach Hause nehmen und ihr eine kleine Höhle bauen. Ihre Eltern würden staunen. Sophie trug Theodor nach Hause, setzte ihn auf einen Stuhl und begann fieberhaft, ihr Zimmer zu durchsuchen. Nach einigen Minuten hatte sie einen Schuhkarton gefunden und rannte, nach einem kurzen Blick auf die Spinne, wieder nach draußen. Als sie wiederkam, hatte sie eine Hand voll Blätter in der Hand und schichtete sie sorgsam auf den Boden des Kartons. Theodor sah ihr zu, viel zu gespannt, um Angst zu haben oder wegzulaufen. Der Karton sah doch ganz gemütlich aus. Ein guter Platz, um ausgiebig zu schlafen. Danach würde er sich dann wieder auf den Weg machen. Als das Mädchen zufrieden war, nahm sie die Spinne, setzte sie auf die Blätter und begutachtete ihr Werk. So schön hatte es die Spinne bestimmt vorher nicht gehabt. Hier würde sie sich wohlfühlen. Am nächsten Morgen wurde Theodor unsanft geweckt. Sophies Wecker schrillte plötzlich und Theodor wäre beinahe aus seinem Schuhkarton gepurzelt. Erst als Sophie den Wecker ausstellte, konnte er sich wieder ein wenig beruhigen. Sophie zog sich an, packte ihre Schultasche und schaute dann nach, ob die Spinne noch in ihrem neuen Zuhause verweilte. Zufrieden strich sie Theodor über den blauen Körper und sagte: "So, meine kleine Spinne, ich muss jetzt in die Schule. Lauf ja nicht weg, hörst du? Heute Mittag will ich dich doch meiner Mama zeigen." Sie lächelte noch einmal und ging dann los. Theodor krabbelte aus dem Karton heraus und sah sich neugierig um. Zufällig lag ein paar Zentimeter entfernt eine tote Fliege auf dem Boden und hungrig verschlang er sie zum Frühstück. Dann kroch er in die Ecken von Sophies Zimmer und ging auf Erkundungsgang. Nach einer ganzen Weile öffnete sich die Tür und eine Frau schaute herein. Sophies Mutter sah sich um, hob ein paar Sachen vom Boden auf und legte sie zur Seite. Die blaue Spinne sah sie nicht. Und dann geschah etwas Schreckliches. Sophies Mutter holte den Staubsauger und begann, den Fußboden des Zimmers gründlich zu saugen. Theodor wurde panisch. Wo sollte er bloß hin? Er saß unter dem Bett und weit und breit war nichts, an dem er hochkrabbeln könnte. Was sollte er tun? Er saß in der Falle, es sei denn, sie würde vergessen, auch unter dem Bett zu saugen. Doch den Gefallen tat sie ihm nicht. Es machte Plopp und er wurde in den Rüssel gesogen. Schreiend und zappelnd verschwand Theodor im Staubsauger und auf dem langen Weg zum Staubsaugerbeutel wurde er gewaltig durchgerüttelt. Endlich war er dort angekommen und hustete und spuckte vom ganzen Staub. Von oben rieselten weitere Staubflocken auf ihn herab und somit krabbelte er erst mal in eine entlegene Ecke des Beutels. Theodor war völlig verzweifelt. Wie sollte er hier jemals wieder herauskommen?