Jens kaufte sich von seinem Taschengeld auf dem Trödel eine ganze Kiste mit Kleinkram für zwei Euro. Zu Hause saß er dann in seinem Zimmer auf dem Boden und spielte mit den Sachen. Autos waren dabei und jede Menge Gummitiere und Comicfiguren, zwei Cent sogar, ein Kompass, krumme Nägel, Schrauben, drei Wäscheklammern, Bindfaden, Wolle, alte Schlüssel und ein kleiner Spiegel. Dann entdeckte er einen silbernen Fingerhut. Er steckte ihn auf seinen rechten Zeigefinger, als es klingelte. Sein Freund Ricky war gekommen und fragte ihn, ob er mit ihm Fahrrad fahren wolle. Jens fuhr mit Ricky in die Stadt. Vor einem Spielzeugladen parkten sie ihre Fahrräder. Es gab so viel zu sehen. Dauernd zeigte Jens auf irgendwelche Sachen und sagte, dass er sie gerne haben würde. Erst als das Geschäft schloss, fuhren sie nach Hause. Als Jens sein Zimmer betrat, traute er seinen Augen nicht. Fast alle Sachen, die er sich im Laden ausgesucht hatte, lagen auf dem Fußboden. Komisch, wie war das möglich? Seine Mutter rief zum Essen - ausgerechnet jetzt. Jens nagte an seinem Butterbrot herum, weil er immer an die vielen Sachen denken musste. Schnell würgte er das letzte Stück Brot hinunter, trank seine Milch und sagte gute Nacht. Seine Mutter wunderte sich. Freiwillig geht er doch sonst nicht ins Bett. Schlafen konnte er natürlich nicht. Er musste nachdenken. Nach einer Weile glaubte er die Lösung gefunden zu haben. Alles, was er mit dem Fingerhut berührt hatte, lag in seinem Zimmer. Wenn doch nur die Nacht schneller rumgehen würde! Er musste das unbedingt noch einmal genau ausprobieren. Endlich war es Morgen. Nach dem Frühstück sauste er gleich mit dem Fahrrad los - nur gut, dass Ferien waren. Unterwegs sprang wieder einmal die Kette ab. Deshalb steuerte er den nächsten Fahrradladen an und tippte dort auf das teuerste Fahrrad, das sie hatten. Es bewegte sich nicht von der Stelle. Beim Rausgehen drehte er sich immer wieder um. Nichts passierte. Von draußen sah er noch durch das Schaufenster. Doch das Fahrrad stand immer noch an seinem Platz. Er fuhr also mit seinem alten Fahrrad nach Hause. Sofort rannte er rauf in sein Zimmer. Da stand das neue Fahrrad. Unglaublich! Er schob es die Treppen hinunter nach draußen und fuhr gleich wieder los. Wieder fuhr er zu dem Fahrradgeschäft und schaute durch das Schaufenster. Das Fahrrad stand immer noch an seinem Platz. Also war jetzt klar: Die Sachen verdoppeln sich. Er ging abermals in den Laden um die Rahmennummer zu vergleichen. Tatsächlich war es genau dieselbe. Den ganzen Tag fuhr er jetzt in der Stadt herum und suchte sich Sachen aus: Spielzeug, Bücher, Spielzeugkisten und auch Kleidung. Er tippte die Fußballschuhe an, von denen er schon so lange träumte, und einen neuen Füller, weil er den alten wieder einmal verbummelt hatte. Abends war sein Zimmer so voll wie nie. Sogar neue Möbel waren drin, doch jetzt standen die alten im Weg. Als seine Mutter das Zimmer betrat, wäre sie fast in Ohnmacht gefallen. Als er ihr von dem Fingerhut erzählte, hielt sie die Geschichte natürlich für Spinnerei und dachte, Jens hätte gestohlen. Aber wie er alleine die schweren Möbel nach oben geschleppt haben sollte, war ihr ein Rätsel. Am nächsten Tag ging sie selbst mit dem Fingerhut los. Zuerst versuchte sie es mit kleinen Teilen für die Küche: Toaster, Kaffeemaschine, Eierkocher, Waffeleisen und eine neue Flurgarderobe. Nach zwei Stunden schaute sie zu Hause nach. Tatsächlich waren alle Sachen in der Küche. Also ging sie noch einmal los. Sie war den ganzen Nachmittag unterwegs und hatte anschließend den halben Supermarkt in der Küche. So viele Sachen musste sie noch nie wegräumen. Als der Vater von der Arbeit kam, erzählten sie ihm von dem Zauberfingerhut. Es dauerte eine Weile, bis sie ihn endlich von der Wahrheit überzeugt hatten. Dann fingen sie an alle alten, kaputten Sachen auszurangieren, damit im Haus genug Platz für neue war. Sie hatten einen riesigen Berg Sperrmüll vor die Tür getragen, wo schon viele Leute nach Brauchbarem suchten. Viel war am nächsten Tag nicht mehr davon übrig. Sie hatten ja auch Sachen aussortiert, die ihnen einfach nicht mehr gefielen - es gab ja neue und bessere Sachen. Die ganze Familie fuhr jetzt in die Stadt. Sie erfüllten sich sämtliche Wünsche. Abends stellten sie fest, dass die Sachen sogar dort standen, wo sie sie sich hingewünscht hatten. Nach drei Wochen war das Haus perfekt eingerichtet. Alle Schränke waren rappelvoll und der Garten quoll über vor Blumen und Bäumen. Sogar ein riesiges Gartenhaus war drin und noch ein großer Schuppen mit Inhalt. Die Gefriertruhe im Keller war bis oben hin voll und der Partyraum war komplett eingerichtet. Sogar eine Sauna und ein Allwetter-Spaßbad hatten sie im Keller. Am Wohnzimmer war noch ein Wintergarten und auch die Terrasse war vom Feinsten. Neue protzige Gartenmöbel standen in Mengen herum. Als nächstes kamen dann noch ein Zierbrunnen, ein Seerosenteich mit Fischen und Fröschen, Laternen und eine Statue, ein Springbrunnen mit Licht- und Wasserorgel, eine Hundehütte mit Hund, Katzen und ein Pony hinzu. Wenn man schon alles hat, braucht man bekanntlich immer mehr. So wurde das Haus um fünf Etagen erhöht, mit Penthouse und Dachterrasse, mehreren Balkonen, fünf Garagen, drei Autos, einem Bus und einem Wohnwagen. Dann hatten sie keine Zeit mehr zum Kochen und zauberten sich die Menüs aus den Prospekten ins Haus, denn mit dem Fingerhut ging auch das. Selbst wenn man im Katalog ein Kleid antippte, hatte man es sofort in der passenden Größe im Schrank hängen. Selbst die Bilder im Kochbuch brauchte man nur anzutippen und schon stand das tollste Essen auf dem Tisch. Inzwischen interessierten sich nicht nur Nachbarn, Freunde und Verwandte für den plötzlichen Reichtum, sondern auch die Polizei. Sie hatten nämlich inzwischen auch Geld verdoppelt und die Nummern der Scheine waren jeweils bis zu hundertmal im Umlauf, sodass man sie der Geldfälscherei verdächtigte. Rechnungen für die vielen Sachen konnten sie jedenfalls nicht vorzeigen. Weil der Vater auch nicht mehr arbeiten ging, sondern lieber mit seiner Segelyacht unterwegs war, machte ihn das noch verdächtiger. Die ganze Familie wurde inzwischen beschattet. Beim Klauen oder Geldfälschen wurden sie jedoch nicht erwischt. Das Haus wurde voller und voller und höher und höher, was natürlich auch das Bauordnungsamt sehr interessierte. Polizist Heinrich Gitter sagte zum Polizeipräsidenten: "Wie kann ein Haus wachsen?" Die internationale Presse, Funk und Fernsehen waren alle vor Ort. Nachdem sie eine sieben Meter hohe Mauer mit elektrischem Stacheldrahtzaun und einem eisernen Tor mit Videoüberwachung angeschafft hatten, ging die Familie nicht mehr aus dem Haus. Sie ließen die Klamotten jetzt nur noch per Katalog oder Computer kommen. Vaters Segelyacht wurde geklaut. Das war nicht weiter schlimm, denn weil das ganze Grundstück umstellt war, konnten sie sowieso nicht mehr damit fahren. Inzwischen wurde es immer lauter vor dem Haus. Jens' Schule machte Ärger, weil er schon seit einem halben Jahr nicht mehr dort war. Die Polizei wollte ihn abholen und zur Schule bringen. Alle waren völlig verzweifelt. Einfach hinauszugehen trauten sie sich jedoch nicht. Wahrscheinlich wären sie sofort verhaftet worden. Dann machten sie einen Versuch: Alle drei fassten gleichzeitig den Fingerhut an und tippten im Atlas auf eine einsame Insel und wünschten sich dorthin. Prompt waren sie da. Aber leider hatten sie kein Foto von ihrem Haus, keinen Stadtplan ihrer Stadt, keine Kataloge, kein Werkzeug und nichts zu essen. In Schlafanzügen standen sie in der heißen Sonne. Sie verdoppelten sich einige Palmen, um wenigstens etwas Schatten zu haben. Sie aßen das Obst, das auf der Insel wuchs und warteten auf ein Schiff, das vielleicht ein paar Kataloge dabei hätte. Doch es kam kein Schiff, jahrelang nicht, vielleicht auch nie. Wahrscheinlich warten sie noch immer am einsamen Strand. Ihr Haus in Deutschland wurde inzwischen aufgebrochen und alle Sachen geklaut. Weil die Stadt es nicht ganz verkommen lassen wollte, hat man ein Altersheim daraus gemacht. Ein Zuhause hätten sie jetzt sowieso nicht mehr. Doch wenn sie den Fingerhut ins Meer schmeißen vor Wut, wird alles so wie früher sein. Vielleicht kommen sie noch drauf.