Als sie in meine Klasse kam, merkte ich sofort, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Sie hieß Rachel und hatte strahlend blaue Augen. Ihre Augen hatten jedoch etwas Merkwürdiges an sich. Jedes Mal, wenn die Lehrerin Rachel ansprach, schienen sich ihre Augen Hilfe suchend umzusehen. Aber nur die Augen bewegten sich. Nach der Schule sah ich, wie Rachel allein raschen Schrittes nach Hause ging. Ich dachte mir nichts, als ich sah, dass sie den selben Schulweg nahm wie ich. Ich beschloss, es ihr in der neuen Umgebung etwas leichter zu machen und rief ihren Namen. Sie schien mich nicht gehört zu haben, deshalb rannte ich los um sie einzuholen. Keuchend rannte ich hinter ihr her aber sie schien mich nicht zu bemerken. Als ich schließlich neben ihr stand, erschrak sie sichtlich. Ich versuchte sie zu beruhigen, doch das war nicht einfach, denn sie schien mich nicht richtig zu hören. Als Rachel sich dann doch beruhigt hatte, fing ich an mit ihr zu reden. Sie schaute mich die ganze Zeit an, als ob sie nichts hören könnte, wenn sie sich wegdrehen würde. Ich fand das schon seltsam aber behielt das für mich. Es war bestimmt nicht einfach für sie auf einer neuen Schule. Ich kannte diese Situation, denn ich war selbst erst vor einem Jahr hierher gezogen. Rachel war offensichtlich sehr froh, dass sich jemand um sie kümmerte, schien aber gleichzeitig Angst zu haben etwas falsch zu machen. Von dem Tag an ging ich mit Rachel zusammen zur Schule, quatschte mit ihr in den Pausen und traf mich auch manchmal mit ihr im Park. Eines Tages bekamen wir einen neuen Lehrer. Wir waren nicht sehr begeistert. Rachel hatte in die Klasse Anschluss gefunden und schien sehr glücklich zu sein, doch nachdem der neue Lehrer seine erste Stunde in unserer Klasse hinter sich hatte, war ihre Fröhlichkeit wie weggeblasen. Den Rest des Tages war Rachel ungewöhnlich still und schien nachzudenken. Worüber nur? Ich wusste es nicht. Am Nachmittag kam sie bei mir vorbei und bat mich mit zu ihr zu kommen. Meine Eltern erlaubten es mir und zusammen gingen wir zu Rachel. Sie stellte mich ihren Eltern vor die sehr erfreut zu sein schienen und einen netten Eindruck auf mich machten. Rachel wollte mir etwas zeigen und ging zu einem keinem Fluss in der Nähe des Hauses. An dem Fluss stand eine gewaltige Eiche, in deren Krone eine riesige Baumhütte stand. Rachel kletterte hinauf und bedeutete mir, ihr zu folgen. Als ich in der Baumhütte saß, fühlte ich mich wie in einem Schloss. Die Hütte war perfekt ausgebaut mit allen Extras, die man sich nur vorstellen konnte. Sie holte ein Buch hervor und schrieb etwas hinein, doch ich konnte nicht erkennen, was. Später erklärte sie mir, dass sie immer, wenn sie in der Baumhütte saß, das Datum und ein paar Gedanken aufschrieb. Sie sagte mir, dass ich das auch tun sollte, wenn ich hier oben sein würde. Am nächsten Tag leistete sich der neue Lehrer etwas Unverschämtes. Er setzte Rachel nach ganz hinten und fragte sie alle fünf Minuten, was gesagt worden wäre. Rachel konnte aber leider nie antworten und bekam als Stundennote eine Sechs. Rachel war hinterher so mit den Nerven fertig, dass sie noch vor Schulschluss nach Hause rannte. Nach der Schule ging ich zu ihren Eltern, doch die wussten nicht, wo Rachel sein könnte. Da fiel mir das Baumhaus ein und ich lief zum Fluss. Im Baumhaus war sie aber auch nicht, und ich wusste nicht mehr, wo ich noch suchen sollte. Ich erinnerte mich an das Buch im Baumhaus, holte es hervor und fing an zu lesen. Ich hoffte irgendeinen Hinweis auf ein anderes Versteck zu finden. Ich hatte Glück und stieß auf eine Bemerkung über eine Höhle in einem Baum. Ich war jedoch zu neugierig geworden und las weiter. Dabei las ich zufällig die Sätze "Heute bin ich in eine neue Schule gekommen. Ich hatte furchtbare Angst. Zum Glück hat mich die Lehrerin, die sehr nett ist, ganz nach vorne gesetzt, sodass ich mich immer umdrehen und den Mitschülern die Sätze von den Lippen lesen kann." Erst konnte ich mir nicht vorstellen, warum Rachel jemandem von den Lippen ablesen sollte, doch dann erinnerte ich mich daran, dass sie einem immer ins Gesicht schaute, wenn man redete. Deshalb also konnte sie dem neuen Lehrer keine Antwort geben. Sie konnte niemandem vom Gesicht ablesen, was er sagte. Rachel war taub! Ich war geschockt. Ich kannte Rachel schon seit Längerem, und mir war nie aufgefallen, dass sie mich nicht hören konnte. Ich blätterte zurück zu der Seite, wo die Beschreibung der Höhle stand und machte mich auf die Suche. Ich fand Rachel an der Quelle des Flusses, wo die Höhle hinter einem kleinem Wasserfall versteckt lag. Rachel und ich sprachen lange über die Schule, wobei ich aufpasste, dass sie immer mein Gesicht sehen konnte. Ich gewöhnte mich daran, dass Rachel taub war, und fand es gar nicht mal so schlimm. Wie ich jedoch erfuhr, wussten weder die Eltern noch die Lehrer davon. Rachel war völlig gesund gewesen, bis ihr jemand mal eine geknallt hatte. Daraufhin hörte sie immer schlechter, hatte jedoch Angst zu Hause etwas davon zu erzählen. Schließlich wurde sie ganz taub. Aus Angst, niemanden mehr hören zu können, übte sie das Lippenlesen, bis sie darin so gut war, dass sie weiterhin auf eine normale Schule gehen konnte. Ich schwor Rachel nie jemanden etwas davon zu sagen und habe mein Wort bis heute, wo ich diese Geschichte erzähle, gehalten. Wenn man mich fragt, warum ich es heute breche, so antworte ich, dass ich Rachel vorher gefragt habe. Sie ist heute in einem Institut für taube Kinder und versucht ihnen zu helfen, wie es in ihrer Macht steht. Ihre Lebensgeschichte soll ein Symbol dafür sein, was man erreichen kann, wenn man nur an sich glaubt.