Als Sylvio den Saal verließ, lief ihm eine Mitschülerin über den Weg, die ihm schon am ersten Schultag aufgefallen war. Sie war zwar etwas kleiner als die anderen Mädchen, hatte aber eine Ausstrahlung, die nicht jede hatte. Sylvio versuchte ihren Blick zu treffen, jedoch gelang ihm das nicht, da das Mädchen schnell an ihm vorbeiging. Jeden Mittag nach der Schule nahm Sylvio sich vor, das Mädchen am nächsten Tag anzusprechen und zu fragen, ob sie keine Lust habe mit ihm am Wochenende etwas zu unternehmen. Aber er nahm es sich nur vor. Er hatte zu viel Angst, sich wieder einmal eine Blöße zu geben und mit einer Abfuhr und dem Gelächter seiner Schulkameraden nach Hause zu flüchten. Auch glaubte er selbst nicht an sich und daran, dass er es schaffen könnte, ein Mädchen zu beeindrucken. Wenn er sich auf dem Heimweg befand und wieder einmal gekniffen hatte, hätte er sich ohrfeigen können. Das Ganze wiederholte sich so verdammt oft. Er traute sich einfach nicht. Und die Tatsache, dass er alleine war und sich nach Zuneigung und Liebe sehnte, diese aber durch seine Zurückhaltung nicht bekam, zehrte ungemein an ihm. Das nächste Ereignis, das Sylvio Kopfzerbrechen bereitete, stand an. Die Klassenfahrt. Sollte er wirklich mitfahren und ohne Schutz eine ganze Woche den Attacken der anderen ausgeliefert sein? Sylvio tat es und die Woche verlief verhältnismäßig ruhig. Eines Abends stand eine Nachtwanderung auf dem Programm. Die gesamte Klasse traf sich vor der Jugendherberge, wo sie die letzte Woche verbracht hatte. Und schon marschierte die Gruppe los. Die Lehrerin gab die Anweisung, dass jeder seinen Nebenmann an der Hand nehmen sollte, damit sich die Gruppe nicht im dunklen Wald verlor. Neben Sylvio lief zufällig das Mädchen, für das er so schwärmte. Beide gaben sich die Hand und Sylvio spürte eine ganz neue Art der Wärme, die seinen Körper durchflutete. Auf der anderen Seite des Mädchens lief ein anderer Junge, der die andere Hand des Mädchens hielt. Das machte Sylvio eigentlich nur wenig aus, denn er bildete sich ein, dass das Mädchen seine Hand gerne hielt, so wie er es bei ihr tat. Als die ersten Lichter des Dorfes, in dem sich die Jugendherberge befand, in Sicht kamen und die kleine Gruppe den Wald verließ, lösten sich viele Hände der Jugendlichen, da es jetzt ja nicht mehr notwendig war, sich gegenseitig festzuhalten. Zur Freude Sylvios ließ das Mädchen neben ihm seine Hand nicht los. Er hätte vor Freude einen Luftsprung machen können. Sylvio war in diesem Moment glücklich. Kurz bevor sie die Herberge erreichten, lösten sich ihre Hände. Am Abend war die Abschlussdisko, denn am nächsten Tag sollte es heimgehen. Als Sylvio in den Aufenthaltsraum gehen wollte, wo die Abschlussdisko stattfand, war das Mädchen, das vor wenigen Stunden noch seine Hand gehalten hatte, schon da. Ein Stuhlkreis umrahmte die Tanzfläche. Als die Musik lief, kam das Mädchen auf ihn zu. Voller Freude wollte Sylvio gerade aufstehen, als sie den Jungen neben ihm fragte, ob er nicht mit ihr tanzen wolle. In diesem Augenblick brach für Sylvio das erste Mal in seinem Leben eine Welt zusammen. Eine Welt, die voller Freude und Hoffnungen, voller Gefühle und Sehnsüchte war. Dies sollte nicht das letzte Mal gewesen sein. Und Sylvio hätte sich in seinen schlimmsten Träumen nicht ausmalen wollen, wie oft dies noch der Fall sein würde. Als der Junge neben ihm den Tanz ablehnte, fragte das Mädchen erst noch einen anderen Jungen, bevor Sylvio dann endlich an dritter Stelle gefragt wurde. Trotz aller Enttäuschung sprang er über seinen eigenen Schatten, stand auf und begann mit dem Mädchen im Rhythmus der Musik zu tanzen. Doch seine Muskeln waren verkrampft, er wirkte nicht so locker wie seine Rivalen, die ihn lächelnd umtänzelten und "seinem" Mädchen zulächelten. Sylvio merkte, dass er keine Chance hatte und begab sich zu seinem Platz. Der Abend war gelaufen. Sylvio zog sich recht bald auf sein Zimmer zurück. Er legte sich auf sein Bett, verschränkte die Arme und begann, wütend ein Comicheft durchzublättern. Doch er überflog die Seiten nur, denn seine Gedanken drehten sich ausschließlich um das zuvor Erlebte. Er hatte den Kürzeren gezogen. Obwohl er mit seinem Aussehen recht zufrieden war, war er nicht in der Lage gewesen, die Sympathie des Mädchens zu erlangen. Im Gegenteil. Von dem Mädchen ging eine Art Gleichgültigkeit aus. Wie sie ihn ansah. Irgendwie mit einem kalten Blick, der die angenehmen Gefühle in Sylvios Magen auslöschte. Wenn das Mädchen ihn ansah, senkte er den Kopf und fühlte sich aus irgendeinem unerklärlichen Grund schuldig. Aber das Mädchen machte keine weiteren Anstalten den Blickkontakt zu ihm zu suchen. Als seine beiden Raumpartner am späten Abend zurückkehrten, lachten sie Sylvio aus. Warum er nicht getanzt habe, warum er kein Mädchen angesprochen habe. Sylvio vertiefte sich weiter in sein Heft, was das Gelächter seiner verhassten Mitschüler nur noch ansteigen ließ. Am nächsten Tag begab sich die Schulklasse auf den Heimweg. Der Bus stand abfahrtbereit vor der Herberge, als der nächste Faustschlag Sylvio erwischte. Es ging darum, wer sich neben wen in den Bus setzen wollte. Das von ihm so verehrte Mädchen entschied, sich neben den Jungen zu setzen, mit dem sie am vergangenen Abend getanzt hatte. Sylvio blieb nichts anderes übrig als sich wie ein getretener Hund einige Plätze weiter allein zu setzen. Gott sei Dank ging die Busfahrt für ihn sehr schnell vorüber. Er lehnte seinen Kopf gegen die von der Sonne gewärmte Scheibe und starrte auf den Straßenrand, der in Windeseile an ihm vorüberzufliegen schien.