Als ich die Haustür öffnete, zog Sonja eine Schnute und drückte sich die Hand auf das blutende Knie. Ich konnte sehen, wie sich ihre großen, blauen Augen mit Tränen füllten, ihre Unterlippe verdächtig zu zittern begann und sie das Kinn vorschob. Schnell ließ ich sie zwischen meinen ausgestreckten Armen ins Haus schlüpfen und zog die Tür hinter ihr zu. Ich hatte meine Tochter vor etwa einer Stunde mit ihren beiden besten Freundinnen und einer riesigen Packung Straßenmalkreide zur Beschäftigung nach draußen geschickt. Rasch lief ich ins Badezimmer und holte Desinfektionsmittel und eine gewaltige Rolle Pflaster. Natürlich schenkte ich ihrer Verletzung erst einmal genügend Beachtung, eben genau so, wie es sich für einen richtigen Vater gehört, pustete, bedauerte und umarmte. Die Wunde war nicht sehr tief, aber für so ein kleines zartes Ding wie Sonja sicherlich schmerzhaft. Schließlich strich ich noch einmal über das neue Pflaster und wischte ihr mit der Spitze meines kleinen Fingers eine Träne von der Wange. Sofort schaute sie mich an und ein Lächeln zeigte sich gut verborgen hinter ihren verheulten Augen. Einen Moment druckste Sonja herum, dann zog sie geräuschvoll die Nase hoch und fragte mich: Warum weint man eigentlich? Mist, jetzt hatte die Kleine mich doch tatsächlich, ohne dass ich es bemerkt hatte, in eine ihrer Fallen gelockt. Mir war durchaus bewusst wie ich Sonjas Meinung nach auf eine solche Frage zu reagieren hatte: nämlich mit einer Geschichte. Sofort fingen ihre kleinen Hände an nervös mit dem Saum ihres Kleidchens zu spielen. Hast du denn noch nie von der windlosen Stadt hinter Schneewittchens Schloss gehört? Nein, sagte meine Tochter gedehnt und ihre Mundwinkel zuckten vor Vorfreude. Ich fing an mit gesenkter Stimme zu erzählen, gerade so, als wollte ich ein Geheimnis mit ihr teilen. Es war einmal eine Stadt, etwa vierhundert Zwergenlängen von Schneewittchens Zauberschloss entfernt und dort wehte nie der Wind. Es war eine Stadt, die ganz und gar aus Sand bestand. Das musst du dir mal vorstellen! Sie sah aus wie eine riesige Sandburg, nur tausend- und abertausendmal gigantischer, mit gedrehten Türmchen und spitzen Erkern. Von diesen höchsten Punkten aus konnte man Sterne vom Himmel klauen und manche Bewohnerin steckte einen davon ihren Kindern ins Haar. Und weil in der Stadt nichts kaputt gehen konnte, da es dort keinen Wind gab, kamen immer neue Verzierungen dazu: Mal da eine kleine Eule, dort ein Hermelin, drüben an der Wand eine Katze und über dem Hügel dort ein schiefes Haus. Das Einzige, was ab und an geschehen konnte, war, dass irgendwo ein Blitz einschlug und der Sand an dieser Stelle durch die Hitze zu Glas wurde. Aus diesem Glas schufen sich die Bewohner der windlosen Stadt Spiegel, denn sie waren ein sehr eitles Volk. Du musst wissen, dass sie alle von Schneewittchens Stiefmutter abstammten, aber trotzdem nicht böse waren, sondern nur ganz besonders auf ihr Äußeres bedacht. Ansonsten waren sie sehr friedfertige Leute und liebten es spazieren zu gehen. Es gab in der windlosen Stadt keine Armut, weil die einzige Kostbarkeit, welche die Menschen besaßen, der Sand war. Davon gab es mehr als genug für alle. Sie aßen und tranken ihn und freuten sich, wenn sie mit anderen teilen konnten. Sie brauchten kein Wasser und waren niemals unglücklich. Sie hatten alles, was sie benötigten: Licht, Wärme, die Kunst und sich selbst. Und natürlich ihre Spiegel. Und da die Bewohner der windlosen Stadt niemals unglücklich waren, wussten sie auch nicht, dass man zu weinen anfängt, wenn einen etwas bedrückt. Sie wussten es einfach nicht, auf die Art und Weise, wie deine große Schwester immer behauptet, sie hätte die Aufgabe in der Mathearbeit einfach nicht gewusst. Die Menschen waren sehr froh. Aber nicht weit von der Stadt aus Sand, da lebte eine Windhexe. Sie war sehr böse, wie es die meisten großen Hexen sind, und wollte die Welt beherrschen. Aus diesem Grund schickte sie in alle Himmelsrichtungen große und mächtige Stürme. Zuerst eroberten diese England, dann Schottland, Norwegen und Schweden und schließlich kamen die Winde auch zu der Stadt aus Sand. Und da die Bewohner unvorbereitet waren, fiel es der bösen Hexe auch nicht schwer die Stadt zu erobern. All die schönen Gebäude und Türme stürzten in sich zusammen und ihre Windhosen trugen den Sand mit sich fort nach Afrika. Die Spiegel jedoch zerschmetterten, da sie keinen Halt mehr hatten. Der Wind war letztendlich doch in die windlose Stadt gekommen und hatte alles zerstört. Aber du weißt ja, was passiert, wenn es sehr windig ist, oder? Sonja blinzelte überrascht. Man weint, flüsterte sie kaum hörbar. Genau, entgegnete ich, und so öffneten sich die Lider der Bewohner der windigen Stadt und begannen zu tränen. Die Bewohner aber, die dies ja nicht kannten, dachten, es wäre nicht der Wind, sondern das Unglück, das ihnen Wasser aus den Augen rinnen ließ. Von diesem Zeitpunkt an glauben die Menschen weinen zu müssen, wenn sie traurig sind. Und immer, wenn wir weinen, erinnert sich ein kleiner Teil in uns daran, dass wir einst alle in dieser windlosen Stadt gelebt haben, hinter dem Schloss von Schneewittchen, vor langer, langer Zeit. Erschrocken fuhr Sonja herum und fragte mich, ob dem Schloss denn etwas passiert sei. Ich musste lachen und verbarg es hinter der hohlen Hand. Natürlich nicht. Die königliche Leibwache hat vor der Katastrophe alles mit winddichter Zwergenfarbe abdecken lassen. Sonja legte die kleine Stirn in Falten. Da hätten sie der windlosen Stadt ruhig etwas abgeben können, wenn die doch nur vierhundert Zwergenlängen von dem Schloss weg lag. Ja, hätten sie wohl, grübelte ich versonnen. Sonja wollte wieder aufstehen und draußen mit ihren Freundinnen weiterspielen, aber als sie an die Haustür trat hatte es angefangen zu regnen. Enttäuscht sah sie mich an, die Verletzung am Knie war längst vergessen. Sei nicht traurig wegen der Kreide, flüsterte ich, der Regen hat auch etwas Gutes! Denn weißt du, die Tropfen sind in Wahrheit die übrig gebliebenen Spiegelscherben aus der windlosen Stadt. Sie können dir nicht weh tun, weil sie ja vor langer Zeit dir gehört haben. Sonja trat staunend einen Schritt vor und streckte die Hand in den Regen. Geschichten sind doch immer noch die angenehmste Weise Kinder zum Lachen zu bringen, dachte ich lächelnd.