Später hatte Maria stets erzählt, dass es wohl dieser Ort gewesen sein musste. Sie meinte, hätten sie und Rick sich zu einer anderen Uhrzeit, an einer anderen Stelle getroffen, dann wäre all das niemals passiert. Aber sie sagte auch, dass sie an das Schicksal zu glauben gelernt hatte, damals, als sie ihn dort hatte stehen sehen, den schmalen Rücken gegen eine Säule aus Stein. Über ihm schaute eine dämonisch verzerrte Fratze aus dem Marmor, drückte ihren Kiefer fast gegen sein sandfarbenes Haar. Er war sicherlich einen Kopf größer als Maria und definitiv älter. Seine Augen waren stechend blau und sein Gesicht schmal, seine Wangenknochen deutlich sichtbar unter der fahlen Haut. In der Hand hielt er ein Buch. Auf dem Umschlag war ein Foto von einem streng aussehenden Herrn, mit schwarzen, zurückgekämmten Haaren und einem kleinen Schnauzbart zu sehen. Der Junge las und schien zwischen den Sätzen verloren. Einige Strähnen hingen ihm in die Stirn, doch er strich sie nicht weg, seine Finger hielten nur das Papier, blätterten ab und an um, er sah nicht auf. All das hätte nicht Marias Aufmerksamkeit erregt. Aber der Umstand, dass sie sich in einer Kirche befanden, und dass gerade die Beerdigung ihrer Großmutter väterlicherseits abgehalten wurde, änderte dies gravierend. Es machte nicht den Anschein, als wäre der Junge zufällig hier, denn er trug einen schwarzen Anzug, der etwas zu groß für seine schmächtige Gestalt wirkte. In seinem Knopfloch steckte eine einzelne, rote Blüte: eine Rose. Niemand beachtete ihn, wie er an der Säule des rechten Kirchengangs lehnte und las. Für einen Moment glaubte Maria fast, sie würde sich den Jungen einbilden. Sicherlich würde ihn ansonsten jemand zurechtweisen, dass man in einer Kirche – schon gar nicht während einer Beerdigung – an einer Säule zu lehnen und zu lesen hatte. Wäre es das Gesangbuch gewesen, nun gut, dann hätte man noch darüber diskutieren können. Aber das, was der Junge in den Händen hielt, war auf gar keinen Fall eines der in rot gebundenen Kirchenbücher. Es hatte einen schwarz-weißen Umschlag. Maria reckte sich ein wenig, um vielleicht den Titel darauf erkennen zu können, aber ihre Mutter, die neben ihr saß, ein geblümtes Taschentuch gegen die geschwollenen Augen gedrückt, legte ihr sofort eine Hand auf die Schulter. Eine stille, aber strenge Ermahnung, sich ruhig zu verhalten. Wir haben uns hier zusammengefunden ... um diesem seltsamen Jungen beim Lesen zuzusehen, fügte Maria in Gedanken hinzu. Wie absurd. Sie hatte ihre Großmutter sehr gemocht, ihre Plätzchen an Weihnachten und ihre selbstgestrickten Socken, ihre herzlichen Worte, die Art, mit der sie sprach. Maria hatte tagelang geweint, als sie gestorben war, aber jetzt war die Traurigkeit plötzlich wie weggeblasen. Nur dieser Junge blieb, schweigend an eine Marmorsäule gelehnt. Er blätterte um. Vielleicht ist er ein Engel, dachte Maria, ein Engel, der mich davon abhalten soll, um meine Oma zu weinen. Ein bisschen sah er so aus, mit der sehr blassen Haut, die im zuckenden Kerzenlicht beinahe durchscheinend wirkte. Aber Maria verwarf den Gedanken sofort wieder. Ein Engel wäre sicherlich vom Himmel herab geschwebt und hätte so etwas Geistreiches gerufen wie: Fürchte dich nicht! Aber sicherlich hätte er nicht mitten in der Kirche in einem Buch gelesen. Dazu noch in einem nicht-christlichen Buch: Der Mann auf dem Umschlag sah nicht aus wie ein Priester, eher wie ein Philosoph oder ein Märchenerzähler. Maria zwang sich, den Blick von dem Jungen zu wenden und nach vorne zum Altar zu starren, wo der Pfarrer gerade eine rührende Rede vom Leben ihrer Großmutter hielt. Doch sie konnte sich nicht konzentrieren, immer wieder flackerten ihre Augen zu dem lesenden Fremden herüber. Auf einmal klappte der Junge das Buch zu und erwiderte ihren Blick. Maria drehte sich schnell weg und wurde rot. Hatte er bemerkt, dass sie ihn beobachtet hatte? Aus den Augenwinkeln entdeckte sie, dass er den Zeigefinger noch immer zwischen den Seiten hielt. Der Junge lächelte zu ihr herüber, nur kurz zwar, aber Maria wurde plötzlich herrlich warm, als hätte die Sonne sie geküsst. Und das mitten in der Kirche, bei der Beerdigung einer ihrer liebsten Verwandten! Sie konnte nicht aufhören, zu dem Fremden zu sehen. Etwas lag in seinen Augen, dass Maria plötzlich an einen kleinen Jungen denken musste, der sich zu Weihnachten Flügel gewünscht und Wollstrümpfe bekommen hatte. Der nachts in seinen Träumen nach den Sternen griff nur um dann festzustellen, dass sie zu hoch oben hingen, um sie zu pflücken. Der dem Himmel Geschichten zuraunte, nur um festzustellen, dass die Wolken sie bereits am nächsten Tag wieder vergessen hatten. Ihre Mutter griff nach Marias Hand. Sie trug leichte Handschuhe in schwarz, ihre Finger waren zart und zerbrechlich. Maria schluchzte nun doch, die flüsternden, singenden Worte des Pfarrers in den Ohren. Tränen tropften von ihrem Kinn auf ihre feine Sonntagshose. Auf einmal wollte sie nichts lieber, als den Kopf in den Händen verbergen und die Welt nur für einen Augenblick vergessen: den Tod, das Leben und den Jungen. Besonders ihn, der irgendwo dazwischen lag und sie mit seinen seltsamen Augen anstarrte. Die schwarz-weiße Welt vergessen - schwarz-weiß wie ein Foto auf einem Buchdeckel. Sie griff nach der Hand ihrer Mutter, ein Lied wurde angestimmt. Es hatte eine schwere, traurige Melodie und tauchte sie ein in die dunkle Gewissheit: Man konnte nicht fliehen. Man musste ausharren in einer schmalen Kirchenbank und darauf warten, dass man die Traurigkeit irgendwann vergaß. Ihr verschwommener Blick fiel auf den Jungen an der Säule. Er hatte das Vorsatzpapier aus dem Buch gerissen. Es war dunkelrot, fast schwarz und er hatte daraus eine Blume gedreht. Eine kleine, zerbrechliche Blume. "Für mich?", formten ihre Lippen und sie schluchzte. Der Junge sah Maria an, lächelte wieder und hielt die Papierrose hoch. Das bleiche Licht verfing sich darin. Sie war sich plötzlich gar nicht mehr so sicher, dass er kein Engel war.