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Sonntag, 7. Mai 2006 21:44 Alter: 12 Jahr(e)

Von: Jochen Schönfeld

Welche Aussagekraft haben Wettbewerbe am PC - auch online?

Tastschreibprogramme - teils mit Onlinefunktion - gibt es mittlerweile einige im Internet, viele sind als reine Lern- oder Trainingsprogramme gedacht. Welche Probleme ergeben sich, wenn sie Wettbewerbscharakter haben, offizielle Siegerlisten erstellt werden oder sogar Schulnoten bestimmen?


Drei Programme habe ich in Bezug auf Manipulationsmöglichkeiten genauer unter die Lupe genommen: Zwei Java-Versionen, die im Webbrowser ausgeführt werden - darunter auch den offiziellen Internetwettbewerb der Intersteno -, und die eigenständige Anwendung ZAV von Jaroslav Zaviačič (Tschechien) auf dessen eigenen Wunsch. Alle drei ließen sich mit dem gleichen Trick der Simulation von Tastatureingaben hinters Licht führen, um beliebig hohe Anschlagszahlen mit Null Fehlern zu erreichen und auf Platz 1 der Ergebnisliste zu landen. Sie unterscheiden sich lediglich im Aufwand, in geeigneter Form an den abzuschreibenden Text zu gelangen.

Vorab sei erwähnt, dass in keinem Fall ein Reverse Engineering der Software erforderlich war. Ein kleines selbst geschriebenes Programm wurde mit dem zu schreibenden Text gefüttert und simulierte dann in den zehn Minuten der Abschreibprobe einen im Rahmen der Textvorlage fehlerfreien Weltmeistertipper. Dieses Programm ist keine Zauberei, sondern lässt sich auch von weniger erfahrenen Hobbyprogrammierern mit im Internet verfügbaren Informationen erstellen. Die Kernfunktion füllt nicht mal eine Bildschirmseite.

Bei den Java-Programmen in den Besitz des abzuschreibenden Textes zu kommen war mit Hilfe des frei verfügbaren Netzwerkanalysetools Ethereal denkbar einfach, da diese die Texte unverschlüsselt per HTTP GET von einem Webserver abholen. Wer die Adresse im Datenstrom findet (bei der Intersteno z. B. http://org.intersteno.it/contest/ask_text.php?language=tedesco für einen deutschen Text), kann sie einfach selbst im Browser abrufen und per "Copy & Paste" (Kopieren und Einfügen) als Input für das Betrugsprogramm verwenden. Intersteno liefert bei jedem Abruf der genannten Adresse einen von mehreren Texten aus einem Textpool. Man muss also unter Umständen mehrmals "Reload" anklicken, bis der gewünschte Text erscheint.

Die Java-Programme haben noch einen weiteren Nachteil: Genau so wie die Texte zum Beginn der Abschreibprobe von einem Webserver abgerufen werden, gelangen auch die Ergebnisse anschließend wieder dorthin zurück. Wer den Datenstrom von und zu seinem Rechner am Ende des Wettbewerbs überwacht, weiß, wie die Ergebnisse übertragen werden und kann diese Übertragung mit Phantasiewerten (z. B. 921 Anschläge/min, 0 Fehler) wiederholen. Dies hilft einem einzelnen Schreiber allerdings nur dann, wenn Wiederholungen des Wettbewerbs erlaubt sind oder er mit unterschiedlichen Namen mehrmals daran teilnehmen kann.

Etwas schwieriger gestaltete sich der Betrugsversuch bei ZAV, die sich seit vielen Jahren bemühen, ihre Software gegen Manipulationen abzusichern. Der abzuschreibende Text wird dort offenbar verschlüsselt zur Verfügung gestellt, sodass weder das Inspizieren von Dateien noch das Überwachen des Netzwerkverkehrs geeignete Ansätze wären, in den Besitz des Textes zu gelangen. Die einfachste und naheliegendste Lösung war für mich das Abfilmen des Textes direkt vom Bildschirm mit dem Sharewaretool SnagIt!, während die Enter-Taste gedrückt gehalten wird. Anschließend schaut man sich das Video an und schreibt den Text in aller Ruhe ab. In einem zweiten Durchgang schließlich erledigt das Betrugsprogramm die Eingabe des Textes im Rekordtempo. Wer als Betrüger den Aufwand nicht scheut oder die Herausforderung sucht, könnte sogar eine OCR (Optical Character Recognition - optische Zeichenerkennung) einsetzen, die den abzuschreibenden Text grafisch vom Bildschirm abgreift und die Anschläge simuliert. Dies kann in Echtzeit geschehen und wäre noch dazu kaum von einer den Wettbewerb beaufsichtigenden Person zu bemerken. Da es sich nicht um eine gescannte Vorlage handelt, wäre sogar ein einfacher Zeichenvergleich ausreichend.

Fazit

Alle Programme lassen sich recht einfach kompromittieren, sodass die Aussagekraft der Ergebnisse gegen Null strebt. Als Lern- oder Trainingsprogramme (für Motivation und Unterhaltung) kann man sie - eine gewisse Eingewöhnungsphase vorausgesetzt - gut gebrauchen, für offizielle Siegerlisten oder Noten bestimmende Klassenarbeiten taugen sie nicht.



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