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Donnerstag, 11. Oktober 2007 23:51 Alter: 10 Jahr(e)

Von: Gregor Keller

Astrid-Lindgren-Jahr 2007: Niemals Gewalt

"Die Stenografie ist etwas sehr Nützliches, hoffentlich stenografieren Sie alle jeden Tag."


Am 14. November 1907 wurde Astrid Ericsson in Näs bei Vimmerby, Provinz Smaland in Südschweden, geboren. Sie haben es längst herausgefunden, es war die berühmte Schriftstellerin Astrid Lindgren, die diesen Namen durch Heirat im Jahre 1931 bekam. Gestorben ist sie 94-jährig am 28. Januar 2002 in Stockholm, begraben ist sie in Vimmerby. Sie lebte 75 Jahre in Stockholm und kehrte immer wieder an ihren Geburtsort zurück. Warum sie ihre durch Wärme und Humor geprägten Bücher und Geschichten, die fast immer nach grünen Wiesen und schwedischem blauen Himmel mit weißen Wölkchen dufteten, schreiben konnte? Diese Frage beantwortete sie mit ihrer glücklichen und umsorgten Kindheit in eben dieser Landschaft um Vimmerby. Und so wissen wir auch, wie es da aussieht, haben wir doch alle ihre Kinderbücher, die auch für Erwachsene geschrieben sind, gelesen und die Filme, die ab den 1960er Jahren gedreht und auch in Deutschland gerne gezeigt wurden, gesehen. Sicher kennen viele Menschen auf der Welt ihre Bücher, die in mehr als 90 Sprachen übersetzt und über 150 Millionen Mal verkauft wurden. Natürlich wissen wir, dass alles 1945 mit Pippi Langstrumpf anfing (ein großer Stockholmer Verlag nahm das Manuskript gar nicht an ... was er nicht viel später bereut haben dürfte). "Meisterdetektiv" Kalle Blomquist (1946) kennen wir genau so wie Karlsson vom Dach (1955) und die Geschichten um Michel aus Lönneberga (1963), der nach seinen Streichen immer rechtzeitig von der Mutter in einem Holzschuppen untergebracht wurde, den er selbst von innen abschließen konnte.

Aber ein tiefer Sinn steckte in diesen Geschichten: Niemals Gewalt, eine Botschaft, die sich durch ihr gesamtes Werk zieht. Ihre Fähigkeit sich in die Welt der Kinder versetzen zu können und der Wunsch, dass das Leben der Kinder glücklich ist, sind Triebkräfte für ihr schriftstellerisches Werk gewesen. Sie gebrauchte eine mündliche Erzähltechnik: "Jetzt will ich euch mal erzählen, wie das mit Michels Kopf in der Suppenschüssel gewesen ist ..."

Wussten Sie, dass der Michel in Schweden gar nicht Michel sondern Emil heißt? Das hängt mit der Verwendung des Namens Emil seinerzeit durch Erich Kästner zusammen ("Emil und die Detektive") und man wollte eben nicht den in Deutschland bereits bekannten Namen auch noch verwenden. So wurde aus dem Emil in Schweden der Michel in Deutschland, was ihn keinesfalls unsympathisch macht.

Astrid Lindgren ist insbesondere in Schweden längst zur Legende geworden, nicht nur wegen ihrer tröstenden und anregenden Geschichten. Sie hat auch die schwedische Politik beeinflusst (sie wollte nicht mehr Steuern zahlen als sie an Einnahmen hatte). Die Misshandlung von Vieh und Haustieren griff sie auf und die Bauerntochter aus Südschweden protestierte dagegen auch mit einer Geschichte von der Kuh mit dem Liebeskummer. 1988 gab es ein Tierschutzgesetz – es wurde auch "Lex Lindgren" genannt. Sie forderte Achtung vor Tieren als fühlenden Lebewesen ein. Da war sie 78 Jahre jung.

Und wie war das mit Astrid Lindgren und der Stenografie? Am 20. August 1979 gratulierte Astrid Lindgren der Deutschen Stenografenjugend mit einem persönlichen Schreiben  zum zehnjährigen Bestehen ihrer Jugendzeitschrift "stenojugend" (erschien ab 1971) und schrieb dazu: "Liebe alle Mitglieder ... hoffentlich haben sie alle so wie ich gefunden, dass die Stenografie etwas sehr Nützliches ist, hoffentlich stenografieren Sie alle Tage ...". Und später, 1987, erschien auch ein kleines Büchlein von ihr (in Deutschland im Verlag Friedrich Oettinger, Hamburg 1988, da können Sie die ganze Geschichte gut nachlesen - macht richtig Spaß, leider ist das Büchlein nach Auskunft des Verlags vergriffen): "Der Räuber Assar Bubbla oder um ein Haar hätte es kein Buch über Pippi Langstrumpf gegeben" und darin beschreibt sie in ihrer unnachahmlichen Art und Weise: "Jetzt möchte ich euch mal erzählen, wie es kam, dass es um ein Haar kein Buch über Pippi Langstrumpf gegeben hätte". Der Räuber hatte ihre Tasche in einer Straßenbahn ("denn solche Fahrzeuge gab es damals noch in Stockholm ...".) gestohlen. Aber es waren keine "Kostbarlichkeiten" drin, keine "Jufehlen", nicht mal ein paar fette Wurstebrote sondern nur mein Stenogrammblock. Und der Räuber wurde wütend, weil der die komischen "Schnurkeln" nicht lesen konnte. Leute, die so etwas schreiben, tun das doch nur um andere zu ärgern und damit keiner Geheimnisse rauskriegt, sagte er ..." Er wusste ja nicht, dass ich alle meine Geschichten in Stenografie schrieb".

Und er hatte sich sogar ein Stenografielehrbuch gekauft und wollte die Schnurkeln entziffern, aber er schaffte es nicht, nur einen Satz bekam er heraus "Eisbein schmeckt am besten mit Erdbeerkompott". Da war der Räuber wütend, weil das ja nicht stimmte, das wusste er, weil er doch so gerne Eisbein gegessen hat.

Aber der Stenoblock war wieder da und die Geschichten vom stärksten Mädchen der Welt, das spielend mit einer Hand  ein Pferd hochheben konnte – Pippi Langstrumpf – waren für ein Buch gerettet. Und dieses allererste Buch, mit dem die ganze Geschichte der Schriftstellerin Astrid Lindgren begann, wurde von ihr im Alter von 37 Jahren geschrieben und eroberte die Welt.

Übrigens: Astrid Lindgren war ungewöhnlich fleißig. Sie stenografierte ihre Geschichten schon früh morgens, bevor es an die Hausarbeit ging, so steht es in einer vom "Schwedischen Institut" in Stockholm herausgegebenen recht umfangreichen Broschüre (Neuausgabe, 2007) von Eva-Maria Metcalf.

Astrid Lindgren erhielt leider nie den Literaturnobelpreis, allerdings 1994 den alternativen Nobelpreis und viele andere Auszeichnungen. Bei der Frankfurter Buchmesse im Jahre 1978 (Thema: "Kind und Buch") war der Höhepunkt die Ehrung Astrid Lindgrens mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche. Ein Teil ihrer Rede wurde in der "stenojugend", Heft 1/1979, veröffentlicht). Die Geschichte vom Stein auf dem Küchenbord als ständige Mahnung an das Versprechen, das sich Mutter und kleiner Sohn gegeben hatten (die gesamte Rede finden Sie unter http://www.astrid-lindgren.de/omastrid/politik/fredstal.htm): Niemals Gewalt.



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